Leisure System 02 - Kompaktorama + Interview

  • Leisure System, unsere Partyreihe für elektronische Musik abseits der Funktionalitätsnorm, kommt im Dezember mit einem Paket äußerst schmackhafter Beats . Zum einen gibt es ein Live-Set des amerikanischen Chaoskomponisten Kid606, der mit seiner wilden Musik bisher noch alle möglichen und unmöglichen Genres durch den Fleischwolf gedreht hat und daraus einen so wirren wie irren Sound bastelt. Nachzuhören auf unzähligen Alben, auf unter anderem Tigerbeat6 und Wichita. Bei dem DJ-Set von Ed DMX wird es voraussichtlich viel Original Electro zu hören geben – weiße Breakdance-Handschuhe nicht vergessen! Auch toll, aber etwas ruhiger wird wohl das DJ-Set von Plaid (Warp!) ausfallen. Und wie immer ist auch heute der Übergang zwischen Berghain und Panorama Bar offen. Ein Stockwerk höher, richtig, in der Panorama Bar, gibt es heute ein Allstar-Programm von Kompakt. Man kann auch sagen: die praktizierte Qualitätsoffensive, von der Michael Mayer auch in dem Interview mit uns geredet hat. Keine drei Fragezeichen, sondern eine DJ-Kombination, die in dieser Form wahrscheinlich nicht allzu oft zu erleben sein wird. Eine kleine Kompakt Total Party mit Michael, Aksel und Tobias und dazu noch on top der unvergleichliche Justus Köhncke, Discobarde und Basslineferkel vor dem Herrn. Halleluja! Interview Michael Mayer Bitte stelle dich vor. Mein Name ist Michael Mayer. Ich lebe in Köln und betreibe da ein Musikgeschäft namens Kompakt. Es ist Dezember, Zeit das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Was waren für dich als professioneller Musikliebhaber die signifikanten Strömungen 2008? Zum einen markierte das Jahr 2008 für viele die große Wiederentdeckung von House beziehungsweise die Abkehr vom Klickerklacker-Sound. Für mich fühlte sich das teilweise etwas zu konservativ an, zu rückwärts gewandt. Ich hoffe das Retrofieber legt sich bald wieder zugunsten von progressiveren Strömungen. Mir persönlich gefällt generell, dass die Musik wieder vielfältiger geworden ist. Meinetwegen darf’s auch noch ein Schranz-Revival geben, so als wüsten Gegenpol zum bieder-schunkeligen Rhein-Main-House. Ansonsten gilt für mich – sowohl als DJ, als auch als privater Musikfreund: Augen auf beim Eierkauf und immer schön wach bleiben. Das Reden über Musik ist zum großen Teil einem Reden über Absatzund Vertriebskrisen gewichen. Kann man heute noch so einfach sagen: Qualität setzt sich immer durch? Nö, das war aber auch noch nie so einfach. Bei Kompakt drehen wir zur Zeit noch mal kräftig an der Qualitätsschraube. „Lieber weniger, dafür besser“ lautet die Devise. In Zeiten der totalen Überflutung mit Mittelmaß ist Vertrauen die härteste Währung. Und das wächst bekanntlich nicht auf Bäumen. In unseren Studios wird derzeit mal wieder kräftig gerackert und geforscht. Die Musik entwickelt sich wieder schön in die Breite und nahezu alle Kompakt- Schwergewichte haben für das kommende Jahr neue Alben am Start. Wenn es nächstes Jahr noch Plattenkäufer gibt, dürfen die sich auf einen guten Jahrgang freuen. Hoffentlich not my „Famous last words“: Ich hab für 2009 eigentlich ein ganz gutes Gefühl. Welches nichtelektronische Album war deine persönliche Entdeckung in diesem Jahr? Isobel Campbell & Mark Lanegans „Sunday at Devil Dirt“ habe ich ziemlich oft gehört. Und dass ich einmal auf Volksmusik aus Sumatra stehen würde, hätte ich so auch nicht vorausgesehen. Wo hat es dir am meisten Spaß gemacht aufzulegen? Ich muss sagen, dass unsere Total Confusion Partys in Köln in 2008 eine neue Intensität erreicht haben. Der Spirit da ist total frisch und lebendig, das Publikum in jeder Hinsicht sehr belastbar. Meine Residenz in meinem Lieblingsclub Nitsa in Barcelona war auch im zehnten Jahr fantastisch. Neuentdeckung 2008 war für mich das Silo in Leuven bei Brüssel. Überhaupt, bei den Nachbarn im Westen geht gerade so einiges, sowohl bei den Niederländern als auch in Belgien. Welches Stück hast du in deiner DJ-Laufbahn am meisten als Abschluss in deinem Sets gespielt? Hm... da gibt’s eigentlich nicht so viele Wiederholungen. Jede Nacht endet auf ihre Weise. Gerne darf’s aber etwas Genrefremdes sein, sowas wie Neil Diamonds „Beautiful Noise“ pfeift sich ganz gut auf dem Weg nach Hause. Welche Eigenschaften und Inhalte wünscht du dir von einer neuen, nachrückenden Generation an DJs, Labelbetreibern und Partyveranstaltern? DIY Spirit und Mut zum Risiko sind Eigenschaften, die ich gerne sehe. Ich habe den Eindruck, dass die heute 18- bis 20-Jährigen ziemlich genau wissen, was sie wollen und sich geradezu elegant auf den Trümmern der Jugendkulturen der letzten 50 Jahren zu bewegen wissen. Mich wundert nur manchmal, dass der subkulturelle Leerlauf nach Acidhouse/Techno Anfang der 90er bei den Kids nicht mehr Wut erzeugt, dass die nicht heftiger ihr „eigenes Ding“ einfordern. Ist Kölns Nachtleben wirklich so ruhig geworden wie man in Berlin immer hört? Woran liegt’s denn? Hand auf’s Herz, in Köln gab’s schon immer weniger Clubs als in Berlin. Ich kann da weder in der Quantität noch in der Qualität einen großen Unterschied zu vor zehn Jahren feststellen. Den Unzufriedenen sei gesagt: Jede Party ist nur so gut wie man selbst, ähnliches gilt für Städte. Dennoch, wir geben es zu: Berlin hat den größeren Schwanz. Aber Köln hat die bessere Technik... Michael Mayer spielt am Freitag, den 12. Dezember in der Panorama Bar.
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